Einzellausstellung in der Toll FFM Galerie

Von 7.6. — 30.06.2010 stellte ich in der, in einem ehe­ma­li­gen Blu­men­kü­bel der Stadt behei­ma­te­ten Toll FFM Gale­rie aus. Ins Leben geru­fen und kura­tiert wurde das Pro­jekt durch das Kol­lek­tiv Spez.Lab. Seit Juni 2009 bespiel­ten sie ihren beson­de­ren Gale­rie­raum mit monat­lich wech­seln­den Künst­lern. Meine Aus­stel­lung war gleich­zei­tig die zwölfte und letzte die­ser Reihe.


Neon Fruit Supermarket. 28. Februar bis 21. März 2010.

Ange­lehnt an unsere Foto­gra­fien ver­fasste Leif Randt anläss­lich unse­rer
Eröff­nung vier wun­der­bare Kurztexte.


»Auf einem der Fotos ist eine poten­ti­elle 
 Roll­schuh­disko zu erkennen.«

Nach der Schul­zeit habe ich mir Europa ange­se­hen, bin nach Frank­reich gefah­ren und bis in die Schweiz hin­ein. In sämt­li­chen Län­dern gab es Tank­stel­len und an den Kas­sen die­ser Tank­stel­len wurde Sni­ckers ver­kauft. Ein Europa ohne Sni­ckers ist heute über­haupt nicht mehr denk­bar. Am atlan­ti­schen Strand habe ich ein Mäd­chen ken­nen gelernt, das meinte, dass ich mich zu sehr auf Details fixierte. Nicht alles sei künst­lich her­ge­stellt, behaup­tete sie. Zu dem Mäd­chen habe ich gesagt, dass ich sie für links­ra­di­kal und gefähr­lich halte. Weil ich ihr dabei abfäl­lig in die Augen geblickt habe, haben wir nie mit­ein­an­der geschla­fen. Schon als Schü­ler haben mich die Gebäude auf der Hanauer 
Land­straße an ame­ri­ka­ni­sches Fern­se­hen erin­nert. Und es wird für immer so blei­ben, dass ich auf mei­nen Rei­sen durch Europa an den Kas­sen von Tank­stel­len Scho­ko­la­den­rie­gel einkaufe.


»Jemand muss im Ori­ent ocker­far­be­nen Stoff über 
das Pferd gehängt haben.«

Nir­gendwo in Hes­sen konnte man gepfleg­tes Rasentennis
spielen. Man­che von uns haben des­halb ihre Jugend trin­kend ver­bracht, mit ver­gilb­ten Michael-Stich-Postern an der Wand
und ohne einen ein­zi­gen Pokal. Der harte Kunst­stoff­be­lag am Wald­rand hat unsere Soh­len stumpf gesto­ßen. Auf einem Fest in einem Kel­ler, der mit fal­schen Eichen­holz­mö­beln voll­ge­stellt war, hat eine Gruppe von Mäd­chen zu uns gesagt, dass wir in unse­rer Ten­nis­be­klei­dung wie Män­ner aus einer
rechten Par­tei aus­se­hen. Zuerst haben wir uns davon nicht irri­tie­ren las­sen, spä­ter aber haben wir ange­fan­gen, legere
Sweatshirts und seriöse Halb­schuhe zu tra­gen. 1991 war Michael Stichs erfolg­reichs­tes Jahr.


»Das sau­ber gepumpte Schwimm­be­cken war­tet auf die
 Her­ein­gabe von Pilzerkrankungen.«

In den Som­mer­fe­rien bin ich mit mei­ner Freun­din Urlaub­ma­chen gegan­gen. An der Bun­ga­lo­w­re­zep­tion saß ein Mann. Er war­tete dort jeden Tag auf Fra­gen, denn er hielt Infor­ma­tio­nen bereit. Hin­ter den Fens­tern sei­ner Aufenthaltskammer
waren sau­ber ange­legte Wie­sen zu sehen, die täg­lich bewäs­sert und wöchent­lich gemäht wur­den. Zwei­mal haben wir mit dem Mann gespro­chen. Wir woll­ten ein­mal wis­sen, wann vor­mit­tags das Früh­stück endet, und ein­mal, ob es in dieser
Gegend einen Auto­ver­leih gibt. Er war jedes Mal rela­tiv nett. Ich schätzte ihn auf Ende 40, meine Freun­din schätzte ihn auf Mitte 50. Als er selbst 26 Jahre alt war, hat es die Bun­ga­lo­wan­lage, an deren Rezep­tion er heute sitzt, wahr­schein­lich noch nicht gege­ben. Es gab kei­nen Pool und keine Buf­fet­meile. Über­haupt kann das alles noch gar kein rich­ti­ger Feri­en­ort gewe­sen sein. Als der Urlaub zu Ende ging und wir wie­der an der S-Bahn-Station Karls­horst aus dem Zug stie­gen, hat meine Freun­din zu mir gesagt, dass über­haupt noch nicht abzu­se­hen ist, was eines Tages noch mit uns pas­siert. Ich bekam sofort eine Gän­se­haut. Trotz­dem glaube ich bis heute nicht, dass Karls­horst mal eine Buf­fet­meile krie­gen wird.


»Eine Gruppe von Groß­müt­tern sitzt vor einem Flach­bau
 und blickt
dem Mor­gen entgegen.«

Am 27. Februar hatte ich einen Sech­ser­trä­ger Pils an einem Imbiss ein­ge­kauft und mit in die Laden­ga­le­rie genom­men. In der Laden­ga­le­rie hin­gen Fotos links und rechts an den Wän­den. Gemein­sam mit ande­ren bin ich auf– und abge­gan­gen und habe geschaut. Irgend­wann kam der Hun­ger. Also bin ich bald zurück zum Imbiss und habe eine voll bela­dene Pizza geges­sen. An eini­gen Stel­len hing der Teig nach unten durch und hin­ter der Theke stand der Mit­ar­bei­ter jetzt offen­bar in glei­ßen­der Beleuch­tung. Ste­ril auf­ge­reihte Salat– und Zwie­bel­scha­len trenn­ten ihn vom Kun­den. Zurück in der Laden­ga­le­rie fin­gen die Betrach­ter plötz­lich an, zu lau­ter Musik zu tan­zen. Die weni­gen Pas­san­ten, die drau­ßen vor­über­gin­gen, haben unsere Arme innen im hel­len Licht schwin­gen sehen.

»Nowaja Zemlja« Vernissage

in der Fabrik Frank­furt am 24. April 2009.

Aus­stel­lende: Oli­ver Dignal, David Jahn, Tino Kölbl, Nora Krings, Felix Kultau, Lutz Pil­long, Sven Proth­mann, Patrick Rad­datz Pujan Shakupa, Ste­fan Stark, Kostas Tsoba­ni­dis, Patrick Waiz­mann, Tho­mas Weyand, Julia Zuleger

Nowaja Zemlja Flyer / Layout: Stefan Stark

nowaja_zemlja_vernissage_01zur Eröff­nung: Dr. Andreas Bee
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